Interview mit Frauenärztin und Fünffach-Mama Dr. Judith Bildau

Mit der Medizin hat man sich mit Sicherheit kein einfaches Studienfach ausgesucht – man hat viel Präsenzzeit, die Stoffmenge ist immens hoch, ebenso der Druck, und der ein oder andere Studiengang lässt vielleicht etwas mehr Raum für Freizeit (wenn auch jeder Studiengang seine eigenen Herausforderungen birgt!). Gerade auf Instagram lasse ich mich gerne darüber aus und jammere rum, trotzdem ist mir sehr wohl bewusst, dass das alles im Berufsleben sicherlich nicht einfacher wird, sondern noch fordernder. Es scheint, als müsse man als Assistenzarzt sein ganzes Privatleben aufgeben, die eigene Persönlichkeit an der Kliniktür abgeben – wo bleibt da noch Zeit und Kraft, eine eigene Familie zu gründen und sich selbst zu verwirklichen? Kann man gleichzeitig Ärztin und Mama sein, und beiden Lebensbereichen gerecht werden?

Interview mit Ärztin und Vierfach-Mama Dr. Judith Bildau - Medizinstudium, medstudent, study, student, medicine, medical, Medizin
Quelle: Judith Bildau auf Instagram @julesloveandlife

 

Erst kürzlich habe ich eine sehr inspirierende Frau persönlich kennenlernen dürfen, die es geschafft hat, Familien- und Berufsleben auf ihre ganz eigene Art unter einen Hut zu bringen. Dr. Judith Bildau ist fünffache Mama und Fachärztin für Gynäkologie, ist als Online-Ärztin bei „MutterKutter“ und auf Instagram aktiv. Sie lebt und arbeitet aktuell in Italien als Ärztin und hat mit mir über das Studium, das (alleinerziehend) Mama und praktizierende Ärztin sein, über Herausforderungen und das Erreichen von Zielen gesprochen.

Liebe Judith, ich danke Dir von Herzen für Deine offenen und ehrlichen Antworten – für mich bist Du ein ganz großes Vorbild und eine Inspiration. Und allen anderen wünsche ich jetzt viel Spaß beim Lesen!


„Liebe Judith, als Medizinstudentin interessiert es mich natürlich brennend, wie Du Dein Studium so erlebt hast. Fiel es Dir leicht oder gab es auch Rückschläge und woran erinnerst Du Dich auch heute noch gerne (oder leider) zurück?“

Liebe Jule, ich erinnere mich sehr gerne an mein Studium zurück. Ich hatte das große Glück, dass es wirklich die richtige Entscheidung für mich war, Medizin zu studieren. Allerdings ist mir die Vorklinik nicht leicht gefallen. Ich war nie ein Ass in Physik, Chemie und so weiter. Ich hatte große Lücken und musste wirklich viel lernen. Das ist mir nicht einfach zugefallen. Im Nachhinein muss ich heute fast lachen, wenn ich an die Zeit vor dem Physikum denke. Ich sehe mich noch immer an meinem kleinen Schreibtisch in meiner Studentenwohnung unter dem Dach sitzen, bei über 30 Grad draußen, vor mir ein Ventilator. Ich dachte, ich schaffe das nie und hatte das Gefühl, das echte Leben findet seit Ewigkeiten ohne mich statt. Ich war wahnsinnig erleichtert und stolz, als das Physikum endlich vorbei war. Die Klinik habe ich dann als sehr spannend erlebt. Ich habe mich näher an den Dingen gefühlt, die ich wirklich irgendwann machen wollte. Direkt nach dem Physikum habe ich auch mit meiner Doktorarbeit angefangen. Ich wollte unbedingt etwas Experimentelles im Labor machen. Was mich damals allerdings schon irgendwie irritiert hat, war, zum Beispiel während der Famulaturen oder der Blockpraktika, wie gestresst die Stationsärzte waren, wie wenig sie letztendlich am Patienten gearbeitet, sondern stattdessen an der Dokumentation und den Arztbriefen saßen. Mir war damals schon klar, dass ich nicht mein Leben lang so arbeiten wollte.

„Du bist während des praktischen Jahrs, also im letzten Studienjahr Mama geworden, musstest als alleinerziehende Mutter das 3. Staatsexamen schaffen. Wie war das damals für Dich, und wie konntest Du Klinik, Lernpensum und Deine kleine Familie unter einen Hut bringen?“

Ich wurde während des PJs schwanger. Die ersten beiden Tertiale, Pädiatrie und Innere Medizin, konnte ich noch problemlos vor Lenis Geburt beenden. Das chirurgische Tertial dann nicht mehr. Weißt du, ich habe zu diesem Zeitpunkt gelernt, dass man immer Hilfe organisieren kann, wenn man schaut, wo man sie bekommt und sich dann darum kümmert. Ich habe mich schon während der Schwangerschaft beim Jugendamt um eine qualifizierte Tagesmutter bemüht. Durch meinen Studentinnenstatus wurde ich bei den Betreuungskosten für Leni unterstützt. Mit Hilfe meiner Mutter und meinen Schwestern konnte ich das chirurgische Tertial beenden, durch eine tolle Tagesmutter hatte ich anschließend vormittags etwas Zeit, um am Stück lernen zu können. Zu meiner Lerngruppe nachmittags habe ich Leni dann einfach mitgenommen. Natürlich war alles eine Frage der Organisation, Leni hat allerdings auch dafür gesorgt, dass ich meine Prioritäten richtig setze und mich nicht so verrückt mache, was das Examen angeht.

 

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Quelle: Judith Bildau auf Instagram @julesloveandlife
„Mama sein und gleichzeitig in der Klinik arbeiten – Dienste, Wochenenden und Co inklusive – empfinde ich als große Herausforderung. Wie war das für Dich?“

Ich denke, mir ging es während der Assistenzzeit so, wie den meisten: Ich hatte chronisch das Gefühl, wichtige Teile in meinem Leben zu vernachlässigen. Natürlich einerseits Freunde, Familie, Sport, Lesen und so weiter, andererseits aber in erster Linie meine Tochter. Das schlechte Gewissen hat mich bei jedem Nacht- und Wochenenddienst begleitet, obwohl ich wusste, dass es Leni gut ging und sie durch meine Familie großartig betreut wurde. Die ersten Jahre als Alleinerziehende habe ich Vollzeit gearbeitet. In dieser Zeit habe ich dann in der Klinik meinen Mann kennengelernt. Nach der Geburt von unserer gemeinsamen Tochter Rosa habe ich dann das erste Mal Teilzeit gearbeitet. Die Kliniken sind diesbezüglich mittlerweile flexibler. Das ist natürlich noch weiter ausbaufähig! Dennoch klappte das alles gut und auch nach der Geburt von Pippa habe ich weiter so gearbeitet. Unsere Uniklinik hat eine tolle Betriebskita mit passenden Öffnungszeiten und keinen Schließzeiten während der Ferien.

„Besonders in letzter Zeit inspirieren mich Menschen sehr, die Medizin studiert haben, jetzt aber nicht klassisch in Praxis oder Klinik arbeiten. Du bist nach Rom ausgewandert, arbeitest dort auf dem Land als Gynäkologin, machst nebenbei noch Mutterkutter, Instagram, modelst und hast ja auch noch andere Projekte. Wie gefällt Dir Dein neues Leben? Hast Du es je bereut, nicht den klassischen Weg gegangen zu sein?“

Weißt du, ich empfinde es so, dass es verschiedene Etappen in einem Leben gibt. Mein erstes Ziel war meine Approbation als Ärztin, trotz Schwangerschaft und Alleinerziehendenstatus. Währenddessen musste ich auf vieles verzichten, hatte aber mein Ziel klar vor Augen. Als ich dann Assistenzärztin war, war mein nächstes Ziel, der Facharztstatus. Das war mir sehr wichtig. Und ich habe natürlich auch einfach gerne in meinem Beruf gearbeitet. Ich war dennoch manchmal „neidisch“ auf meine Kolleginnen, die sich nach einem anstrengenden Nachtdienst einfach ins Bett legen und dann vielleicht abends noch zum Sport gehen konnten. Das ging so bei mir nie. Jede Mutter kennt das. Ich habe nach dem Dienst Erledigungen gemacht, dann meine Kinder abgeholt, mit ihnen etwas unternommen, der ganz normale Wahnsinn halt. Als ich dann mit 34 Jahren meinen Facharzt hatte und auch unsere Familie komplett war, da hat sich dann die Frage gestellt: So, und was jetzt? Es hätte die Möglichkeit gegeben, bis zu meinem Arbeitsende in einer Praxis zu arbeiten. Das hat sich für mich nicht richtig angefühlt. Irgendwie war da das Gefühl, es muss noch mehr als das geben. Das Modeln habe ich immer schon zwischendurch gemacht. Meine Arbeit als Onlineärztin bei „Mutterkutter“ ist im Laufe der Zeit dazu gekommen und ich liebe es, medizinische Inhalte, einfach und verständlich für alle zu erklären. Beide Sachen konnte ich vor allem gut auch von Italien aus machen. Und plötzlich gingen immer weitere Türen auf: In der Toskana wurden dringend Ärzte und Ärztinnen gesucht. Jetzt arbeite ich dort tageweise auf dem Land. Hier in Rom hat eine befreundete Hebamme eine Frauenärztin gesucht, die mit ihr zusammenarbeitet. Auch das mache ich jetzt. Ich kann ganz klar sagen: Ich habe es nie bereut, andere Wege zu gehen. Für mich war es unglaublich wichtig, ganz konventionell den Weg von Examen und Facharztausbildung zu gehen. Das war und ist meine Absicherung. In dem, was ich daraus mache, bin ich aber frei. Die Welt ist so groß und die Möglichkeiten sind so vielfältig. Nur Mut!

 

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Quelle: Judith Bildau auf Instagram @julesloveandlife
„Judith, auf mich wirkst es so, als hättest Du alles voll im Griff. Wie machst Du das? Irgendwelche Geheimtipps?“

Oh nein, ich habe natürlich nicht alles im Griff! Es gibt Tage, da bin ich fix und fertig abends oder frustriert oder schlechter Stimmung. Dennoch denke ich, das wichtigste ist, dass man genau das macht, was einem Spaß macht. Dann ist man grundsätzlich positiv und voller Energie. Manchmal geht das nicht sofort. Aber auf dem Weg dorthin muss man sich einfach immer wieder klar machen, wofür man das alles macht. Natürlich ist mir während dem Studium und auch währende der Ausbildung oft die Puste ausgegangen. Mein Traum war aber immer, irgendwann einmal ins Ausland zu gehen und dort zu leben. Und ich wusste, dafür brauche ich das alles. Mein Tipp ist deshalb vielleicht: Setzt euch Etappen, kleine Ziele, belohnt euch jedes Mal. Und plötzlich seid ihr auch schon da, wo ihr sein wollt. 

„Eine letzte kurze Frage: Was war dein allererster Traumberuf in Kindheitstagen?“

Oh, Jule, bitte nicht lachen, ich sag’s dir: Pfarrerin!

 


Für mich ist Judith das beste Beispiel dafür, dass es nicht nur „den einen“ richtigen Weg gibt und dass man die Gestaltung seines Lebensweges selbst in der Hand hat – egal, was andere sagen, mit Durchhaltevermögen, Engagement und ein wenig Mut können wir alles schaffen. Danke für deine tollen Worte, liebe Judith, und weiterhin ganz viel Erfolg bei allem, zu dem Dein Weg Dich noch führt!

Zauberhafte Einblicke aus Judiths Familienleben in Rom findet Ihr auf Instagram: julesloveandlife

Hier geht’s zum Familien- und Gesundheitsmagazin Mutterkutter, wo Judith unter anderem über Frauengesundheit schreibt: https://mutterkutter.de 

 

Eure Jule Unterschrift

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