Zwischen Stethoskop und Social Media – MEDMEN 2019

Zwischen Stethoskop und Social Media - medmen2019 Medizinstudium, influencer in der medizin, medical, medstudent, student, study, university, medicalHallöchen Ihr Lieben! Vielleicht hat der ein oder andere es ja schon über Instagram mitbekommen: Ich durfte letzte Woche als Speakerin an der MEDMEN, einem Event der Doccheck Group teilnehmen bei dem es neben Marktforschung und Big Data unter anderem auch um die Rolle von Influencern in der Medizin ging. Neben einem Main Track fanden parallel vier Nebentracks statt, in denen mehrere Vorträge zu verschiedenen Themen gehalten wurden. Einer dieser Nebentracks hatte den Titel „Schwimmen mit dem Strom – wie Influencer die Medizin verändern“ und hier hatte ich doch tatsächlich die Ehre, in gemütlicher Runde auch ein paar Worte unter dem Titel „Zwischen Stethoskop und Social Media“ sagen zu dürfen. Da sich viele von euch eine Abschrift des Vortrags gewünscht haben, hab ich euch hier mal eine etwas abgewandelte Variante davon abgetippt!

„Obwohl mich zur Zeit so vieles beschäftigt, was eigentlich dringend aus meinem Kopf raus muss fiel es mir noch nie so schwer meine Gedanken zu Papier zu bringen wie aktuell. In den letzten zwei Wochen Famulatur habe ich eine Menge theoretisches Wissen angesammelt, gleichzeitig sind da aber auch noch so viele verschiedene Eindrücke, positiv wie negativ, und ich mittendrin. Wo will ich eigentlich hin? Was ist mein Ziel, woraus schöpfe ich Motivation? Klinik, Praxis, Forschung, Familie, Doktorarbeit, Karriere – was will ich erreichen? Eine gesunde Work-Life-Balance mit einem Fachgebiet, das mich glücklich, aber nicht kaputt macht? Oder kann ich vielleicht noch mehr aus mir herausholen? Und will ich das überhaupt? Ich hoffe sehr, dass mit der Zeit irgendwann die Erkenntnis darüber kommt; dass ich mit den Erfahrungen die ich noch machen werde einige Dinge ausschließen, andere in die engere Auswahl nehmen kann. Und bis dahin versuche ich es mit einem Mittelweg – die Uni wird für mich nicht Priorität Nummer 1 sein, trotzdem kann ich einen kleinen Teil meiner Zeit für ein bisschen Selbststudium und fakultative Kurse nutzen, Dinge wiederholen, in kleinen Schritten besser werden. Bei einer Sache bin ich mir nämlich sicher: Ich möchte später mit Patienten arbeiten und bis dahin eine gute Ärztin werden.“

Diesen Text findet man unter einem meiner Instagram-Bilder, welches ich Ende Februar während meiner ersten Famulatur hochgeladen habe. Sehr persönliche Worte, die es mir wirklich nicht leicht fiel aufzuschreiben. Warum also veröffentliche ich meine Gedanken als „Jule und die Medizin“ im Internet? 

Ich bin Jule, 22 Jahre alt und studiere mittlerweile im 6. Semester Humanmedizin an der Uni Leipzig. Medizin zu studieren war bei mir kein Traum, der bereits seit meiner Kindheit besteht, und auch meine Eltern arbeiten in anderen Berufen. Viel mehr vereint der Arztberuf all das, was ich mir für die Zukunft wünsche: Viel Kontakt mit Menschen, anderen Helfen können, Abwechslung, naturwissenschaftliche Lehre. Alles Dinge, die ich mir für mein späteres Leben wünsche, was bei mir bereits lange vor der Oberstufe den Wunsch reifen ließ, Medizin zu studieren. Mit der Zusage zum Studienplatz ging für mich der Traum, auf den ich seitdem hingearbeitet habe in Erfüllung, und so studiere ich mittlerweile seit bald 3 Jahren Humanmedizin in Leipzig. Bereits seit meinem 2. Semester bin ich aber nicht mehr nur Julia gewesen, sondern Jule und die Medizin.

Ich will nicht behaupten, ich wäre die Erste die auf die Idee gekommen ist über Uni, Schule, Lernen und alles was dazu gehört zu bloggen. Unter dem Hashtag #studygram gibt es tausende Accounts, nicht wenige davon sind bezogen auf das Medizinstudium und fanden sich auch in meinem Newsfeed wieder, da ich bereits als Schülerin gerne vom Studium gelesen habe. Ich kannte diese „Study-Accounts“, eine Schiene, die perfekt für mich schien: Ich habe schon immer gerne geschrieben, Gedichte, Artikel, Kurzgeschichten und Tagebuch, sehr, sehr viel Tagebuch; ich studiere Medizin und habe das Bedürfnis, darüber zu schreiben, mich mitzuteilen, auszutauschen, Dinge ein Stück weit auch so zu verarbeiten, als Ausgleich zu einem Studium, bei dem Kreativität nicht viel Platz hat. Also habe ich nach langem Überlegen im Juni 2017 „juleunddiemedizin“ auf Instagram erstellt. Wie bei den meisten Accounts dieser Art habe ich mich dafür entschieden, vorerst anonym zu bleiben: Jule nannte mich privat kaum jemand, ich habe weder die Universität an der ich studiere angegeben, noch mein Gesicht gezeigt.

Das führt mich direkt zum nächsten Thema, auf das ich immer wieder angesprochen werde: Warum zeigst Du Dein Gesicht nicht?

Die meisten Study-Accounts sind anonym, was ich absolut nachvollziehen und am Anfang auch relativ streng so ausgelebt habe. Kaum einer wusste von meinem Account, erst nach und nach und mit steigender Reichweite habe ich Familie und Freunde eingeweiht. Warum? Weil es immer Menschen geben wird, die nicht mit dem einverstanden sind was man tut, besonders bei so einem kontroversen Thema wie „Studyaccounts“ – etwas, mit dem viele einfach nichts anfangen können. Ich wollte negative Reaktionen einfach aus meinem Privatleben fern halten und auf das Internet beschränken.

Heute sehe ich das alles nicht mehr so eng: Ich bin stolz auf alles was ich erreicht habe und dass ich eine virtuelle Ansprechpartnerin geworden bin. Mich erreichen täglich so viele Nachrichten, zum Beispiel von Schülern und Abiturienten die auch gerne Medizin studieren wollen und Fragen zum Thema Abitur, Studienplatz und Co haben, von Studenten die wissen wollen wie ich für ein bestimmtes Fach lerne oder wie sie das Physikum überleben sollen. Hier kann ich helfen, kann informieren und kann zuhören und motivieren, was wirklich sehr schön ist.

Dazu kommt aber noch ein Aspekt der mir persönlich sehr wichtig ist: Ich schreibe sehr ehrliche, emotionale Texte, in denen ich vieles von mir preisgebe, mich angreifbar mache und verletzlich zeige um anderen zu zeigen, dass sie nicht alleine sind mit Ihren Sorgen und Ängsten. Das Medizinstudium wird gerade in den sozialen Medien oft hochgelobt, heroisiert; und leider muss ich sagen, dass nicht jeder jeden Tag alles im Studium toll findet, nie zweifelt und bereits ab dem ersten Tag wahnsinnig viel Medizinisches lernt, obwohl dass oftmals so dargestellt wird. Probleme beim Lernen hat sowieso niemand, und übers Durchfallen wird nicht geredet. Da wollte ich nicht mitmachen, und so schreibe ich Blogbeiträge über die nicht bestandene Prüfung, über die Angst zu versagen und nicht gut genug zu sein, über die Zweifel ob das wirklich das Richtige ist und ich das Schaffen kann.

Die Anonymität verschafft mir den Schutz den ich brauche, um genau so ehrlich sein zu können wie ich es brauche. Wer würde sich schließlich vor den vollen Hörsaal seiner Kommilitonen stellen und sagen: „Hey, ich bin übrigens in Anatomie durchgefallen! War scheiße, ich hab auch viel geheult deswegen, aber irgendwie hat es am Ende dann doch noch geklappt, und Du bist nicht alleine mit Deiner nicht bestandenen Prüfung!“ Richtig, niemand, obwohl es den anderen 100 Leuten, die ebenfalls in Anatomie durchgefallen sind damit wahrscheinlich besser gehen würde. Daher bin ich aktuell sehr glücklich damit, mein Gesicht hier nicht zu zeigen. 

Was sind denn aber jetzt eigentlich die Themen, über die ich so schreibe? Klar, das Medizinstudium, verschiedene Fächer und Lerntipps, das Physikum oder den Untersuchungskurs und eben auch über Ereignisse, die mich im Studium besonders geprägt haben – die nicht bestandene Prüfung oder auch ein emotionaler Patientenfall (natürlich immer im Rahmen des Datenschutzes). In meiner Story thematisiere ich mittlerweile auch gerne andere Themen außerhalb der Medizin – schließe stehe ich als Mensch hinter dem Account, und nicht nur ich als Medizinstudentin. Deswegen findet  man hier auch immer wieder mal Storys über Nachhaltigkeit, Gesichtscremes oder Rezepte.

Ja, mittlerweile folgen mir über 12.000 Leute auf Instagram, viele lesen täglich meinen Blog, kommentieren, schreiben mir – und ich liebe den Austausch. Denn nicht nur ich kann Hilfe sein, ich profitiere auch selber von den Tipps, die andere für mich haben und die man so natürlich nicht bei Google findet. Obwohl es natürlich viel Arbeit ist den Account am Laufen zu halten – dabei lade ich schon nicht wie ein klassischer Blogger jeden Tag Beiträge hoch und die Story bleibt auch häufig tagelang leer – mit Instagram und dem Bloggen anzufangen war eine Entscheidung, die nicht nur mein Leben, sondern auch mich als Person maßgeblich beeinflusst hat.

Ich habe Freunde gefunden über Instagram, die so vermutlich nicht in mein Leben getreten wären, darf Erfahrungen wie die Teilnahme an MEDMEN machen, was so sicherlich nicht möglich gewesen wäre und wachse jeden Tag ein kleines Stückchen mehr über mich hinaus. Irgendwann werde ich als Ärztin arbeiten – wie es mit Jule und die Medizin weitergeht, wird die Zeit zeigen. Für den Moment kann ich sagen, dass ich sehr viel Spaß daran habe, Bilder zu machen und mich in meinen Texten kreativ ausleben zu können. Privat laufe ich natürlich auch den ganzen Tag in Kasack und mit Stethoskop um den Hals rum, sitze zwischen meinen fein säuberlich drapierten Lernmaterialien auf meinem Bett und habe auch noch nie in eben dieser Situation meinen bereits kalt gewordenen Kaffee auf mich, Bett und Lehrbuch geschüttet. So sieht natürlich nicht der Klinikalltag oder mein Lernalltag im Studium aus; aber dass die meisten meiner Bilder gestellt sind ist denke ich ziemlich deutlich zu sehen, was ich auch bewusst so mache – am Ende sind es ja dann eben doch nur hübsche Platzhalter für meine Gedanken darunter.

Natürlich wünschen sich einige mehr Realität, aber dass ich keine Bilder aus der Klinik oder dem Präpkurs hochladen möchte oder darf ist ja eigentlich selbstverständlich. Hin und wieder muss ich auch Kritik einstecken für die Bilder die ich hochlade, was mich gerade am Anfang, als ich was den Account anging sowieso noch sehr unsicher war schon ziemlich getroffen hat; mittlerweile stehe ich aber dazu, und habe mich damit abgefunden, dass mit steigender Reichweite auch die Anzahl der gemeinen Kommentare und Hater ansteigen wird.

Stattdessen besinne ich mich auf all die schönen Dinge, die Instagram für mich mit sich bringt: Gleichgesinnte Menschen aus Deutschland und der ganzen Welt, mit denen man sich verbunden fühlt. Hilfestellungen bei Fragen, die man sich selbst nicht beantworten kann. Das Gefühl, jemandem anderen eine Hilfe sein zu können, der selber nicht weiter weiß. Die Kontakte, die ich darüber knüpfen konnte. Die Möglichkeit, Dinge die mir persönlich wichtig sind zu verbreiten und meine Reichweite für gute Dinge nutzen zu können, und damit die Welt vielleicht ein klein bisschen besser machen zu können.

Macht mich das in der Medizin zum Influencer? Ich finde, nicht unbedingt, denn letztendlich möchte ich nicht beeinflussen, sondern inspirieren. Inspiration bieten, was neue oder andere Lernmethoden oder auch Produkte angeht, die gewisse Dinge leichter machen könnten. Inspiration sein, die eigene Einstellung zu bestimmten Themen wie dem eigenen Plastikkonsum zu überdenken, sich vielleicht mit gewissen Sorgen nicht mehr allein fühlen zu müssen. Was jeder einzelne am Ende draus macht, bleibt natürlich jedem selbst überlassen! Zu diesem Thema werde ich aber noch ein paar Worte schreiben, sobald ich Zeit dafür finde.

Abschließend möchte ich sagen: Durch Instagram kann ich zwei Dinge verbinden, die ich einfach sehr gerne mag: Das Schreiben und die Medizin.“

Es war wirklich nicht leicht für mich, vor fremden Leuten über diese Dinge zu sprechen, da ich einfach sehr ungern Vorträge halte und das außerdem auch ein Thema ist, über das ich einfach nicht gerne spreche, weil in den meisten Fällen eh nur ein blöder Kommentar zurückkommt. Trotzdem war es aber die absolut richtige Entscheidung nach Mannheim zu fahren und an dem Event teilzunehmen, denn durch das Feedback und den Zuspruch Anderer konnte ich nicht nur neuen Mut und Selbstvertrauen für Instagram sammeln, sondern nehme auch ganz viele tolle Bekanntschaften und neue Erkenntnisse mit nach Hause. Einer meiner Vorsätze 2019 war „get out of your comfort zone“ und ich denke, damit bin ich der Sache schon einen ganze Schritt näher gekommen – es hat sich gelohnt.

Eure Jule Unterschrift

Vielleicht interessiert Dich auch einer dieser Beiträge?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Verwandte Beiträge

Beginne damit, deinen Suchbegriff oben einzugeben und drücke Enter für die Suche. Drücke ESC, um abzubrechen.

Zurück nach oben