Mein Alltag im Medizinstudium – Ein typischer Tag mit Jule Teil 2

Ein typischer Tag im Medizinstudium medschool, medical, medicine, medizin, studium, study, studentWie versprochen gibt es jetzt die Fortsetzung zur Reihe „Mein Alltag im Medizinstudium“ – wie sieht mein Tag so aus, wenn es auf die Klausurenphase zugeht? Natürlich schwankt das von Klausur zu Klausur, da nicht alle Prüfungen den gleichen Lernaufwand erfordern und gilt auch nicht für Ausnahmesituation wie das Physikum. Trotzdem möchte ich euch einen kleinen Einblick gewähren, wie einer meiner Tage im Medizinstudium in stressigeren Phasen so aussieht. Falls Ihr den ersten Teil verpasst habt der da heißt „Variante 1: Expectation oder auch „Ein Tag am Anfang des Semester, an dem Jule noch mehr oder minder motiviert ist“ dann schaut gerne mal vorbei und jetzt: Viel Spaß beim Reinlesen!

 

Variante 2: Reality oder auch „Verdammt bald sind Prüfungen, ich hab schon wieder zu viel gechillt und eigentlich echt keinen Bock mehr zu Studieren“

5.00 morgens:  Ich werde – aus unerklärlichen Gründen – wach. Bin auch relativ fit, also vielleicht einfach aufstehen? Ne, lieber nochmal eine Runde an den Liebsten kuscheln und ein bisschen vor sich hin dösen, bis der Wecker klingelt.

6.30: Der Wecker klingelt. Ich, halbwach, kämpfe mit Maroon 5 und payphone um ein bisschen mehr Stille und fühle mich wie einmal durch den Fleischwolf gedreht. Wäre ich mal doch besser um 5.00 schon aufgestanden.

6.45: Mit traumwandlerischer Sicherheit starte ich die Kaffeemaschine, mache die Milch warm, schäume sie auf und starre durchs Fenster, bis der Kaffee (endlich!) fertig durchgelaufen ist. Kaffee und ich verfrachten uns an den Küchentisch und warten, bis ich die Augen zum Mindest weit genug aufbekomme um Frühstück zu machen.

7.30: Halbwegs wieder hergestellt, gesättigt und nach ein paar Minuten im Bad geht es zurück an den Küchentisch um den Lernplan des Tages zu Studieren. Ich schreibe mir vor allem wenn ich für mehrere Klausuren gleichzeitig Lernen muss meistens einen Lernplan der jedes Thema einem bestimmten Tag zuteilt und den ich meistens so semi-gut einhalte. Ich beginne also das auserwählte Thema des Tages Abschnitt für Abschnitt zu Lesen. In der Vorklinik hab ich dazu meistens das Endspurtskript genutzt, in der Klinik jetzt eher ein zugehöriges Uni-Skript oder auch ein Lehrbuch – meist reichen da aber auch die Vorlesungsfolien aus, wenn die Klausur als nicht ganz so schwer zu Bestehen gilt. (Zum Thema Lernstrategien, Lernplan und Co gibt es bald noch einen extra Beitrag, falls euch das interessiert.) Die Vorlesung? Besuche ich in diesem Stadium des Semester schon lange nicht mehr.

11.00: Wenn ich mit dem Durchlesen des Themas durch bin schnappe ich mir die Vorlesungsfolien dazu und gleiche ab, ob irgendein Thema komplett fehlt, oder ob mein Lehrbuch/Endspurtskript halbwegs vollständig war. Dann mache ich mich ans erste auswendiglernen von komplexeren Themen, die durchs reine Durchlesen wahrscheinlich dann eher doch nicht so gut hängen bleiben würden (zum Beispiel der Citratzyklus, Antibiotika-Wirkungen, die Muskulatur des Unterarms, ..).

12.00: Mittagspause. Ich koche mir in der Zeit gerne irgendwas kleines, zum Beispiel eine Gemüsereispfanne und setze mich dann zum Essen mit einer Folge der aktuellen Serie (gerade schaue ich übrigens zum zweiten Mal Friends) auf die Couch, um ein bisschen auf andere Gedanken zu kommen. Je nach Lust und Laune habe ich während des Physikums oft auch noch ein paar Minuten Yoga in meine Mittagspause eingebaut.

13.30: Mittagspause vorbei – hallo Mittagstief, my old friend. Wenn es vorher irgendwas zum Auswendiglernen gab, wiederhole ich das jetzt „gerne“ und stelle fest, dass die Hälfte schon wieder weg ist.

13.45: Nach einem 15-minütigen Kampf gegen die Müdigkeit gebe ich auf, stelle mir einen Timer auf 20 Minuten und erhoffe mir ein wenig Erholung von einem kurzen Power-Nap.

14.05: Der Timer klingelt. Vom Gefühl her fühle ich mich zurückversetzt in den Morgen – völlig fertig, aufstehen, Kaffeemaschine, wach werden. Ich stelle mir die Frage, ob so ein Medizinstudium wirklich das Richtige für mich ist.

14.30: Kaffee wirkt, und ich bin motiviert und habe die Zweifel an meinem Studienfach vorübergehend wieder in die schwerer erreichbaren Ecken meines Unterbewusstseins gedrängt. Nach einer weiteren Wiederholung des Themas von heute morgen und ähnlich ernüchternden Ergebnissen was meine Merkfähigkeit angeht versuche ich erneut das Thema auswendig zu lernen.

15.15: Um ein wenig Abwechslung in die Sache zu bringen und meinen Lernerfolg zu überprüfen beschließe ich, die IMPP-Fragen zum Thema zu kreuzen. Das hatte in der Vorklinik und bei der Physikums-Vorbereitung natürlich einen noch höheren Stellenwert, aber ich möchte das jetzt auch in der Klinik wieder versuchen um die gelernte Details zu festigen und ein bisschen anwenden zu können.

16.30: Ich beschließe mir ein wenig die Beine zu vertreten und spazieren zu gehen. Je nachdem ob mein Freund zu Hause ist oder nicht begleitet mich meine Lieblingsplaylist oder eben mein Liebster – nach so einem Tag am Schreibtisch tut mir frische Luft immer super gut.

17.15: Ich bin wieder zu Hause, wiederhole ein letztes Mal die Themen die ich versucht habe auswendig zu lernen und beende spätestens gegen 18.00 meinen Lerntag. Je nachdem ob ich zwischendurch noch eine Univeranstaltung, zum Beispiel ein Praktikum oder sonst irgendetwas vor habe kann sich das auch gerne ein wenig nach hinten verschieben, spätestens 20.00 Uhr ist aber Schicht im Schacht weil das definitiv nicht meine produktivste Tageszeit ist und einfach nichts bringt.

Meine Abende nutze ich dann so, wie ich es gerne möchte: Treffen mit Freunden, Zumba oder Yoga, Dinge erledigen die nichts mit der Uni zutun haben, Schreiben oder Bilder machen oder auch einfach mal ein Abend auf der Couch mit Netflix und meinem Freund. Abends koche ich dann meistens für uns beide etwas (mein Freund hat sich was Kochen angeht meiner vegetarischen Lebensweise gezwungenermaßen angepasst hehe), und den Einkauf und Haushalt erledige ich gelegentlich zwischendurch.

Ich kann aber nur nochmal sagen, dass man manchmal im Leben Prioritäten setzen muss und wenn eine wichtige Klausur ansteht ist es egal, ob sich die Wäsche stapelt oder es eben nur Nudeln mit Pesto gibt. Denn: So ein Tag wie hier beschrieben kommt im Medizinstudium wirklich nur selten vor (mal vom Physikum abgesehen), und spielt sich so oder so ähnlich maximal in den 1-2 Wochen vor der Klausurenphase ab und auch dann nur, wenn mehrere Klausuren anstehen die auch alle als nicht so leicht zu bestehen gelten.

Ich bin auch nicht jeden Tag so diszipliniert wirklich früh aufzustehen und meinen Lernplan durchzuziehen, keineswegs – ich bin die Königin der Prokrastination, weswegen ich ohne die Forest-App auf meinem Handy wahrscheinlich gar nicht voran kommen würde (was die App kann habe ich euch hier erzählt), aber irgendwann vor den Prüfungen kommt immer der Punkt, an der meine Panik die Faulheit besiegt und dann kann ich mich eigentlich ganz gut zusammenreißen und für das Medizinstudium lernen.

Nichtsdestotrotz kommen mir wirklich oft Zweifel daran, ob es das wirklich alles wert ist. Was ich nämlich nicht erwähnt habe sind die sich in Ihrer Häufigkeit steigernden Nervenzusammenbrüche je näher es an eine Prüfung geht, vor allem bei mündlichen Prüfungen oder eben sehr Schweren. Ich hatte und habe immer wieder das Gefühl mich selbst und meine Interessen ein Stück weit aufgeben zu müssen, und mich durch das Studium selbst daran zu hindern zu wachsen und mich zu entwickeln – aus Zeit- und Energiemangel.

Dazu kommt, dass wir auch an „normalen“ Tagen sehr viel Präsenzzeit an der Uni haben, die Ferien oftmals für Pflegepraktikum und Famulatur drauf gehen und am Ende auch gleich noch eine Klausur ansteht, sodass man direkt nach dem Praktikum weiterlernen kann – von psychischer Entspannung keiner Spur, dabei empfinde ich den Druck im Studium sowieso schon immer als sehr hoch. Ich persönlich fange schnell damit an, meine Situation mit der von anderen Studierenden zu vergleichen, die vielleicht ein etwas weniger zeitaufwendiges Fach gewählt haben und so mehr vom Studentenleben mitnehmen als ich es vielleicht kann, und natürlich kommt dann gerne mal die Frage auf, ob es wirklich die richtige Entscheidung war, Medizin zu studieren. Denn wenn man das Studium dann irgendwann geschafft hat wird das Arbeitsleben ja definitiv auch nicht weniger stressig und der Druck mit Sicherheit auch nicht geringer.

Aber: Ich habe mich aus freien Stücken dazu entschieden, und merke immer wieder wenn wir dann doch mal Patienten sehen, dass es goldrichtig war und dass der Arztberuf mich zum Mindest von der Tätigkeit her ausfüllen und glücklich machen wird, und dafür muss ich eben durch das Studium durch. Und seit ich meine Erwartungen runterschraube, nicht mehr überall die Beste sein will, mir eingestehe dass ich eine experimentelle Doktorarbeit nicht auch noch stemmen kann und mir bewusst Zeit für mich und die schönen Dinge nehme geht es mir auch viel besser. Es gibt Phasen wie hier beschrieben; aber die sind doch eher kurz, und wenn man sich gut organisiert und seine eigene Einstellung überdenkt dann kann man auch ein Leben neben dem Medizinstudium haben und glücklich sein. Und für alles andere? Finden wir alle irgendwann schon eine Lösung.

 

Eure Jule Unterschrift

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2 Gedanken zu „Mein Alltag im Medizinstudium – Ein typischer Tag mit Jule Teil 2

    1. Den Gedankengang kann ich durchaus nachvollziehen. 😀 Ich sag’s mal so: Der Arztberuf ist super schön, und auch die Medizin sehr spannend, aber das Studium mit Sicherheit kein Zuckerschlecken – da gibt es entspanntere Fächer. Da kommt es dann sehr darauf an, wie sehr man es wirklich will und ob man auch bereit ist hin und wieder Abstriche zu machen. Aber es lohnt sich und gibt immer wieder Momente die mir zeigen, dass ich genau das richtige tue. 🙂

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